Das Wort „Verfolgung“ hat heute mit Recht eine schlechte Bedeutung. Es ist aber nur ein Wort und nicht dagegen gefeit, in einem anderen Zusammenhang mißbraucht zu werden. Wir meinen in diesem Buch damit das Verfolgen eines Zielobjektes, also eines Menschen oder eines Tieres. Während der Kriminalist ein ihm unbekanntes Zielobjekt verfolgt, das auch weiß, daß es verfolgt wird, verfolgt der Stalker, der Verfolger sein Zielobjekt ohne das dieses von seiner Anwesenheit etwas weis oder seinen Verfolger sieht. Für hunderte von Jahren war das die Bedeutung des Wortes und es besteht kein Anlaß hier blumige Umschreibungen zu verwenden.
Du weist jetzt um die Wichtigkeit einer genauen Beobachtung und als eifriger Student der hohen Kunst des Tracking willst du das in den vorherigen Kapiteln gelesene auch anwenden.
Der nächst logische Schritt auf dem Weg zum Erreichen des Zielobjektes ist der Erwerb von ausgezeichneten Kenntnissen im Verfolgen.
Ich benutze das Wort „für das Überleben eines Trackers“, da der militärische Tracker sein Leben in die Waagschale werfen muß. Je frischer die Zeichen und je heißer die Spur wird, um so größer wird die Gefahr für den Tracker. Menschliche Zielobjekt sind gefährlicher als jedes noch so große Jagdwild, da sie aggressiver, besser bewaffnet und gerissener als die „Big Five“, die großen Jagdtiere sind – Löwe, Tiger, Nashorn, Büffel und Elefant.
So wie Beobachtung dazu gehört Zeichen so zu lesen, daß sich der Tracker seinem Zielobjekt unbemerkt nähern kann, es ist auch genau so wichtig, daß er sich in der Verfolgung und ihren Techniken auskennt. Das betrifft den Beobachter genau so wie den Ornithologen, den Jäger wie den Soldaten. Bevor wir daher zu den Techniken der Verfolgung, wie im Kapitel 10: Verfolgungstechniken beschrieben, kommen, sollten wir einen kleinen Grundkurs einlegen. Es wird dir das Leben damit ein wenig leichter gemacht.
Jeder Tracker sollte die Grundbegriffe der Verfolgung lernen, bevor er Tracking im weiteren Sinne betreibt.
Verfolgung kann als die Kunst beschrieben werden, sich einem Zielobjekt unter Verwendung von Tarnung und Verbergen unbemerkt zu nähern. Hier siehst du schon den Unterschied zum Tarnen und Täuschen im militärischen Sinne, wie wir es alle einmal gelernt (und wohl meistens wieder vergessen) haben. Der Stalker ist aktiv, er bewegt sich auf sein Zielobjekt zu, mehr oder weniger schnell, ohne gesehen, gehört oder auf andere Weise entdeckt zu werden während er gleichzeitig beobachtet.
„Das hatten wir doch schon .....“ wirst du jetzt stöhnen, aber eine kleine Auffrischung verschollenen Wissens kann dir ja nicht schaden.
Die Natur selbst gibt dir reichlich Unterricht. Im Gelände siehst du selten Tiere, deren Umriß sich völlig klar gegen den Himmel, Bäume oder Büsche abzeichnen, normalerweise werden sie sich tarnen, auch ohne ZdV. Wie Tiere sich tarnen ist ein Kapitel für sich, daß dem Rahmen dieses Buches sprengen würde Was uns hier beschäftigen soll, sind die Grundlagen der Tarnung.
Ziel des Trackers muß es sein, mit dem Hintergrund zu verschmelzen, denke daran, warum Gegenstände gesehen werden.
Die erste vom Tracker zu treffende Entscheidung ist die Wahl der richtigen Bekleidung. Die Farbe ist des Materials sollte nicht zu dunkel, nicht zu hell und nicht uniform sein. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie man sich in einem ausgewaschen Nato-Oliv vernünftig tarnen kann.
Ein sehr gutes und praktikables Beispiel ist der bei unseren britischen Kameraden beliebte „Ghillie Suit“, ein Tarnanzug bestehend aus verschiedenfarbigen Stoffstreifen, die auf einem Netz beliebig und der Situation angepaßt arrangiert werden. Er verändert die Form der Bekleidung und damit die des Trägers.
Oft ist dunkle Bekleidung, mit der örtlichen Vegetation getarnt, kombiniert mit sehr ruhigen und langsamen Bewegungen besser als ein militärischer Tarnanzug, der seinem Träger suggeriert, allein die Tarnfarbe mache ihn schon für das Zielobjekt unsichtbar. Militärische Tarnung ist für ganz bestimmte Scenarien entwickelt worden – Dschungel, Wüste und Arktik. Außerhalb dieser Scenarien ist sie mehr ein Hindernis denn ein Bonus.
Bekleidung und Haut können durch die Verwendung von Schmutz, Holzkohle oder Tarncreme abgedunkelt werden, Das hat allerdings den Nachteil, daß sie beim Trocknen immer heller werden bzw. die Tarnung abfällt.
Die Natur selbst bietet ein paar sehr gute Hinweise auf Entwurf und Anwendung von Tarnung, man denke nur an bestimmte Vögel, deren Unterseite heller als die Oberseite gefärbt ist. Dieses Prinzip findet auch beim Anstrich von Flugzeugen Anwendung.
Die Farbe des Materials ist allerdings nur ein Aspekt. Form und Umriß der Tarnung sind von gleicher Bedeutung.
Wenn sich der Tracker im Gelände bewegt, besonders im offenen Gelände, muß er ständig seine Tarnung der wechselnden Umgebung anpassen, ein zeitraubendes Verfahren. Im Wald und bebauten Gelände ist die Tarnung weniger wichtig, hier ist die Ausnutzung von Schatten und das Vermeiden von Helligkeit und Umriß wichtiger.
Der Tracker muß sich immer des Hintergrundes bewußt sein, vor dem er sich bewegt. Dabei muß er seinen Platz so wählen, daß er einen findet, der ihn verbirgt. Dabei ist es nicht immer zwingend notwendig, daß er sich in ein Versteck oder einen gesicherten Beobachtungsplatz zurückzieht. Die Wahl des richtigen Hintergrundes ist von gleicher Wichtigkeit und das Beobachten aus einer Deckung heraus, in dem Bemühen, alles sehen zu wollen, kann leicht dazu führen, daß der Stalker vom Zielobjekt erkannt wird; besser ist das Beobachten aus einer Position vor einem entsprechend Hintergrund wie im Bild 14 gezeigt.

Solltest du irgendwelche glänzenden Objekte mit dir herumtragen, wie z.B. Fernglas, Brille, Kamera, Kompaß, oder eine Uhr oder Ring, muß du diese Gegenstände entweder in deinen Taschen unterbringen oder dich so bewegen, daß du unter keinen Umständen hellem Sonnenschein ausgesetzt bist. Glänzende Gegenstände wirken wie ein Signalspiegel: Schau her, HIER bin ich! An solchen Kleinigkeiten ist schon manche Soldatenlaufbahn durch einen Scharfschützen gescheitert!
Es ist ein Grundprinzip der Verfolgung, daß du soviel wie möglich über dein Zielobjekt wissen mußt. Es wäre ein schlimmer Fehler, diese Tatsache zu ignorieren. Die folgende Liste soll dir diese Fragestellung erleichtern.
Wenn du das alles beobachtet, analysiert und verstanden hast, mußt du nun das Problem der endgültigen Annäherung n dein Zielobjekt lösen.
Für den Jäger und ganz besonders für den militärischen Tracker ist eine umfassende Kenntnis des Zielobjektes (über)lebenswichtig, allein wegen der Gefahr, die möglicherweise vom Zielobjekt ausgeht. Großwildjäger vertreten die Theorie, daß man mit fortschreitender Erfahrung einen „sechsten Sinn“ für Gefahren erwerben kann. Diese Entwicklung kann auch der Tracker machen. Es ist durchaus möglich, gleichzeitig wachsam und entspannt zu sein, sich einzig der Tatsache einer drohenden Gefahr bewußt zu sein. Ein Tracker, der ständig unter nervlicher Anspannung steht, wird in kurzer Zeit ausgebrannt sein (soll ja auch im Zivilleben vorkommen). Diese Fertigkeit kannst du niemals aus Büchern und auf Übungen lernen, hier helfen dir nur Praxis und Glück.
In der Natur, besonders in abgelegenen Gegenden, haben Vögel, Insekten und Säugetiere Techniken entwickelt, ihr Artgenossen vor Angreifern oder Eindringlingen zu warnen.
Diese wenigen Beispiele sollen dir zeigen, wie wichtig es für den Tracker ist, sich mit dem Verhalten von Tieren intensiv auseinander zu setzen, um drohende Gefahren schnell erkennen zu können und zu verhindern, daß sein Zielobjekt von der Anwesenheit des Trackers Kenntnis bekommt.
Der Wind ist eine der großen Schwierigkeiten, denen der Tracker begegnen muß und nichts als langjährige Praxis hilft ihm, die Auswirkungen zu verstehen. Trotzdem muß er den Wind in seine Überlegungen mit einbeziehen, besonders wenn das Zielobjekt eine ausgezeichneten Geruchssinn hat, wie z.B. alle Säugetiere.
Zunächst einmal mußt du wissen, daß der Wind Geräusche beeinflußt. Manchmal hast du Pech und der Wind trägt deine Geräusche zum Zielobjekt, während andererseits vom Wind erzeugte Geräusche deine eigenen übertönen.
Du kannst hier wieder einmal sehen, wie wichtig es ist, sich in die Haut deines Zielobjektes zu versetzen. Du mußt seine Stärken und Schwächen, besonders die von Tieren, kennen, wenn du seiner Spur folgst. Rotwild kann nicht nur weit und gut sehen, sondern auch hervorragend riechen.
Beim Erweitern deiner Fähigkeiten als Tracker darfst du nicht den Fehler machen, alle geschilderten Faktoren isoliert zu betrachten; alles bildet eine Einheit! Der Wind ist nur ein, wenn auch wichtiger, Teil des Ganzen. Luftbewegungen werden vom Geländeformen, Temperatur und Luftfeuchtigkeit beeinflußt.
Die Abhängigkeit zwischen Geländeform und Temperatur ist für den Tracker wichtig. Am Boden wird sich der Wind ohne Vorankündigung selten ändern, während der bergwärts oder an den Flanken der Berge und Hügel wehende Wind gleichmäßiger als der talwärts wehende bläst. Denke daran, daß starke Gerüche sich über große Entfernungen verbreiten können, bevor sie sich verflüchtigen, und daß Gerüche sich in Senken und Mulden lange halten können, besonders bei Windstille.
Die Windrichtung festzustellen, ist einfach. Den alten Trick mit dem nassen Finger kennt ja wohl jeder. Du kannst auch sehr trocknen Sand, Federn oder dürres Gras in die Luft werfen und ihre Bewegung feststellen. Bei stärkeren Wind hilft dir die Neigung der Äste an Büschen, Bäumen und im Gras. Bei Wolken ist es nur unwesentlich schwieriger, wenn du bedenkst, daß Wolken sich in verschiedenen Luftschichten bewegen.
Tiere werden eher durch Geruch alarmiert, ihr Hör- und Sehvermögen kommt erst an zweiter Stelle. Wenn du dich einem Tier mit dem Wind näherst, und wenn es auch nur ein leichtes Lüftchen ist, ist es zweifelhaft, ob du deinen Braten auch bekommst. Dein Eigengeruch zeigt Tieren immer deine Anwesenheit an, immer!
Vergiß nie, daß Menschen für Tiere schlicht und einfach stinken. Durch die Augen eines Hundes gesehen, besteht die Welt aus Gerüchen, daher wird er einer Spur immer mit der Nase folgen, ohne Augen und Ohren einsetzen zu müssen. (Pech für dich, wenn du Stalker mit Hunden im Genick hast!) Die Landkarte eines Hundes kannst du mit einen Wärmebild eines Hauses vergleichen.
Du mußt also deinen Geruch vor deinem Zielobjekt, sei es Tier oder Mensch, verbergen. Um deinem Zielobjekt jede Möglichkeit zu nehmen, mußt du zwei oder drei Tage vor dem Tracking folgendes vermeiden:
Außerdem solltest du besonders beim militärischen Tracking nur Kaltverpflegung zu dir nehmen.
Den Geruch der Kleidung kannst du übertönen, wenn du die Kleidung ein paar Tage solange wie möglich lüftest oder besser noch in den Rauch eines Feuers hängst.
Hier noch ein paar Beispiele für Gerüche:
Der militärische Tracker muß seine Geruchssinn soweit ausbilden, daß er rechtzeitig gewarnt wird, falls die Kameraden der anderen Feldpostnummer sich in seiner Gegend aufhalten.
Besonders tierische Gerüche hängen von deren Ernährung ab, der menschliche Geruch von Vegetariern unterscheidet sich von dem, der Fleisch ißt. Auch haben die verschiedenen menschlichen Rassen einen unterschiedlichen Eigengeruch, wie dir jeder Dschungelkämpfer bestätigen wird.
Vor dem Tracken solltest du ein paar Tage nicht rauchen, schon gar nicht während des Tracken. Rauchen
Nachdem wir nun das Thema Verfolgung in den richtigen Zusammenhang mit dem Tracken gesetzt haben, wollen wir uns im nächsten Kapitel mit der Praxis beschäftigen.