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Trackinghandbuch der RK 19 Bielefeld-Mitte

15. Schlüsse ziehen

Das Ziehen von Schlüssen aus den beobachteten Zeichen ist die letzte mentale Phase, die der Tracker durchlaufen muß.

Wiederholen wir noch einmal die Hauptpunkte:

Du mußt beobachten und dich an die Einzelheiten deiner Beobachtung genau erinnern. Wähle die relevanten Fakten aus, trage sie zusammen und analysiere die Zusammenhänge deiner Beobachtungen. Aus dieser Analyse der Fakten mußt du darauf schließen, was sich ereignet hat. Durch Deduktion wirst du ein Verständnis für das Gesamtbild der Spuren bekommen, welches dich zu deinem Zielobjekt führt.

Zu Beginn der Verfolgung ist das Zielobjekt nur ein Geist ohne Körper, aber nach einer Weile wird er für dich zu einer Person, welche du bis hin zu seiner psychischen Verfassung hin kennenlernen wirst.

Eine kleine Geschichte soll den Denkprozeß erhellen, den ein Tracker zu durchlaufen hat. Sie stammt aus Israel und beschreibt, wie man durch Beobachtung und Deduktion zu Fakten gelangt.

Zwei Sklaven wurden in die Gefangenschaft geführt. Der hinter ihnen laufende Sklavenjäger hörte, wie einer der beiden seinem Leidensgenossen sagte:

„Das Kamel, welches vor uns läuft, ist auf einem Auge blind, trägt zwei Ledersäcke, von denen einer mit Wein und der andere mit Öl gefüllt ist. Geführt wird es von zwei Personen, einer ist Jude und der andere ein Nichtjude.“

Der Sklaventreiber wollte nun wissen, woher der Sklave das alles wußte. Dieser antwortete:

„Das Gras ist nur auf einer Seite des Weges abgefressen. Wein und Öl sind auf den Boden getropft, das Öl schwimmt auf dem Wein. Einer der Treiber hat abseits des Weges gepinkelt, der andere (nach jüdischer Meinung unanständig) auf den Weg“

Deduktion von einem einzelnen Fußabdruck.

Sogar ein einzelner Fußabdruck kann eine ganze Reihe von Informationen über das Zielobjekt liefern:

Deduktion aus einer Reihe von Fußabdrücken.

Aus einer Reihe von Fußabdrücken kann man

ablesen.

Bestimmen der Personenzahl in einer Gruppe.

Jede Gruppe mit mehr als 10 Personen wird automatisch eine sehr ausgeprägte Spur hinterlassen, so daß deren Verfolgung keine Schwierigkeiten macht. Das Bestimmen der Personenzahl in einer großen Gruppe nur mit genügender Genauigkeit durchgeführt werden, wenn man einen Biwakplatz, einen Rastplatz oder einen Lagerplatz findet und die individuellen Raststellen zählt.

Zur Bestimmung der Personenzahl in einer kleinen Gruppe folge der Spur bis zu einer Gegend mit weichen Boden und verfahre gem. Bild 30 – nach der Methode der langen Schritte.

Bild 30 - Methode der langen Schritte.

Ziehe zwei Linien in der Länge deines normalen Schrittes über die Spur: Die erste beginnt an deiner Hacke und die zweite an der Spitze der Zehen. Das Vergleichsmaß ist immer dein normaler Schritt! Jetzt zählst du die Varianten der Fußabdrücke oder die sichtbaren Teilstücke davon innerhalb der Grenzlinien. Nach dem Zählen dividierst du die Anzahl durch 2, um die Anzahl der Personen zu erhalten. Bei einer ungeraden Zahl, sagen wir einmal 7, sind es entweder 3 oder 4 Personen. Auch durch einen Vergleich der Arten der Fußbekleidung kommst du zu einem Ergebnis. Vermutest du, daß Kinder unter 10 Jahren in den Grenzlinien ihre Zeichen hinterlassen habe, halbiere den Abstand und wiederhole die Prozedur.

Es führt allerdings zu Ungenauigkeiten, wenn die erste Person, welche ihr Zeichen im weichen Boden hinterlassen hat, ein Gewicht von sagen wir einmal 50 Kg, aber nur kleine schmale Füße hat, während der Rest der Gruppe schwerer ist. Die Spuren der ersten Person können dadurch völlig unkenntlich gemacht werden. Die Lösung des Problem liegt in der regelmäßigen Wiederholung der Prozedur, sobald du auf weichen Boden kommst.

In unserem Beispiel in Bild 30 kommen wir auf 12 Fußabdrücke, ganze oder Teile davon. Das bedeutet eine Anzahl von 6 Personen. Wie jedoch Bild 31 – die Methode des angepaßten langen Schrittes uns zeigt, haben nur 5 Personen die Spur hinterlassen.

Ein Vergleich der Bilder zeigt, daß die Person Nr. 2 eine Schrittlänge hat, die nicht zur durchschnittlichen Schrittlänge der anderen Personen in der Gruppe paßt; sie ist fast doppelt so lang. Die Methode der angepaßten Schrittlänge bestimmt die durchschnittliche Schrittlänge. In diesem Fall ist die durchschnittlich Schrittlänge kürzer als unsere eigene und ähnelt mehr der von uns verfolgten Personengruppe. Unsere neue Rechnung zeigt also 10 Fußabdrücke, ganze oder Teile davon. Das bedeutet eine Anzahl von 5 Personen.

Selbstverständlich müssen wir unsere Schätzungen und Annahmen immer wieder neu überprüfen.

Schau dir jetzt einmal das Bild 32 – Ein Sonntagsspaziergang an.

Innerhalb der Beobachtungsgrenzen zählen wir 12 Fußabdrücke. Vier von einem Hund, vier von einer jungen Person, da wir von der Schrittlänge eines Erwachsenen ausgegangen sind, und zwei Erwachsene. Durch genauere Untersuchungen können wir das Geschlecht der Erwachsenen bestimmen. Die Spur des Hundes läuft neben der Spur eines Erwachsenen, die möglicherweise den Hund an der Leine führt. Die Spur des zweiten Erwachsenen läuft neben der Spur des Kindes.

Die Spur des Erwachsenen neben der Spur des Hundes ist größer und tiefer eingedrückt, also möglicherweise ein Mann. Die Spur des Hundes verläuft nicht gleichmäßig in der Marschrichtung, der Hund untersucht den Boden rechts und links. Die Spuren der Frau und des Kindes verlaufen gleichmäßig, man kann also davon ausgehen, daß die Frau das Kind an der Hand führte.

Weitere Untersuchungen der Fußabdrücke einer Gruppenspur zeigen uns die Reihenfolge innerhalb der Gruppe. Zunächst einmal mußt du den rechten und den linken Abdruck der einzelnen Personen bestimmen. Konzentrieren dich dann auf diese eine Person und schau nach, wie viele der anderen Personen diese Abdrücke überlagern oder verbergen. Nehmen wir einmal an, es sind 8 Personen in der Gruppe, die geschlossen marschieren und das Spurpaar, das du ausgewählt hast, wurde von drei anderen überlagert, so marschierte deine Vergleichsperson an vierter Stelle in der Marschreihe.

Bild 33 – Nächtlicher Lagerplatz, bezogen.             Bild 34 – Nächtlicher Lagerplatz, verlassen.

Untersuchung des Umfeldes.

Außer seinen Fußspuren wird ein Zielobjekt immer eine Reihe anderer Zeichen hinterlassen, wie z.B.:

Bild 33 zeigt einen bezogenen nächtlichen Lagerplatz. Bild 34 zeigt den gleichen Platz, nachdem er verlassen und nicht sorgfältig gesäubert wurde:

Die genannten Zeichen kannst du nun auf Folgendes untersuchen:

Die Wichtigkeit und Anzahl der aus den Zeichen geschlossenen Informationen sind in erster Linie für den militärischen Tracker von Bedeutung. Es wird von ihm erwartet, folgende Informationen zu melden:

Der militärische Prozeß.

Soldaten ziehen aus den Informationen des Trackers ihre Schlüsse in folgender Reihenfolge:

Inter-Deduktion.

Interpretation und Deduktion, im Sprachgebrauch des Trackers Inter-Deduktion genannt, ist das Ergebnis der Gedankengänge des Trackers. Der Tracker beginnt mit einer Aufstellung aller ihm bekannten Fakten, ggf. fertigt er eine Skizze gem. Bild 35 an.. Dabei fragt er sich:

und fertigt eines Aufstellung seiner Schlußfolgerungen an. Darin fließen seine Sichtweise der Vorgänge und seine Vorstellungen ein und er erläutert seine Schlußfolgerungen, ohne sich jedoch auf den absoluten Wahrheitsgehalt seiner Annahmen festzulegen. Aufgrund seiner Annahmen versucht der Tracker, die nächsten Aktionen seines Zielobjektes vorauszusehen und nicht nur die nächsten Zeichen in sein Gesamtbild einzuordnen.

Bild 35 – Handskizze eines Vorkommnisses.

Der Tracker versucht immer, seine Inter-Deduktionen und Annahmen in Übereinstimmung zu bringen. Das können schlüssige Zeichen, wie z.B. Fußabdrücke sein, weggeworfenes Material, die dem Zielobjekt zuzuordnen sind, oder direkter Sichtkontakt sein. Die Tabelle auf der nächsten Seite hebt die Feinheiten aus Bild 35 hervor und zeigt, wie man nach einer sorgfältigen Analyse zu Fakten kommen kann.

Wir können annehmen, daß mindesten zwei Füchse, möglicherweise ein Weibchen mit seinem Jungen, das sehen wir an der unterschiedlichen Größe der Spuren ( bedenke dabei die Jahreszeit, in der Füchse normalerweise ihre Jungen zur Welt bringen), auf einem Beutezug waren und auf den Koordinaten 163348 ein Beutetier geschlagen haben. Möglicherweise wurden sie durch den Tracker selbst aufgestört, was die sehr frischen Spuren erklärt, und ihrem Instinkt folgend, sich abgesetzt haben.

Fakten
Inter-Deduktion
1
Auf Koordinate 163348 finden wir :
a
Vier Paare von Fußabdrücken, davon zwei kleiner als die anderen zwei Paare
Mindesten zwei Säugetiere, möglicherweise Hunde oder Füchse
b
Ein deutlich gestörte Fläche von 5 m² mit den Überresten eines Fasans: Federn und Blutspuren
Die Tiere haben erst vor kurzem getötet, das Blut ist noch nicht geronnen. Der Zeitpunkt des Tötend liegt noch keine fünf Minuten zurück. Die Tiere wurden sehr wahrscheinlich vom Tracker selbst gestört.
c

Pelzreste wurden an einem Drahtzaun 10 m südlich gefunden, wo sich die Tiere in den Wald zurück gezogen haben.

Eine Untersuchung der Haare ergab, daß es sich bei den Tieren um Füchse handelt.
 
2
Auf Koordinate 167342 finden wir :
a
Der Wind trägt aus südlicher Richtung einen strengen Geruch auf den Tracker zu.
Die Stärke des Geruchs läßt darauf schließen, daß sich die Tiere noch in der nächsten Umgebung aufhalten.
b
Zahlreiche Fuchsspuren werden in diesem Bereich gefunden, überlagert durch Kratz-und Klauenspuren
Hier befindet sich mit ziemlicher Sicherheit der Bau eines Fuchses.
c
Ca 50 m nördlich befinden sich zwei Eingänge zu einem Fuchsbau. Vor dem Bau finden wir Tierknochen, trockenes Blut, Federn, Fußspuren und eine eingeebnete Fläche von 30-40 m² mit starken Fuchsgeruch.
Aus der Größe der eingeebneten Fläche und der Menge des herumliegenden Abfalls können wir schließen, daß es sich um mehr als zwei Füchse handelt.

Damit du als Tracker auch wirklich jede Information verarbeiten kannst, ist es äußerst wichtig, daß du während und nach dem Tracking deinen Report, ob gedanklich oder schriftlich, weiter ausarbeitest, um die Anzahl der Zielobjekte in deinem Bereich festzuhalten. Ergänze deinen Report mit Skizzen, soweit möglich, mit Fotos, und den Tierarten, welche du identifizieren kannst.

Diese Kapitel solltest du im Zusammenhang mit Kapitel 21 lesen um zu sehen, wie Deduktion dem Tracker weiter hilft.

Wie du aus der kleinen Geschichte am Anfang dieses Kapitels gesehen hast, ist das alles nichts neues: neu ist nur die Betrachtungsweise aus der Sicht des Trackers! Erweitere diese Sichtweise durch Praxis und den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten!


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